1993, Station

Project at the New Tretyakov Gallery, Moscow


Depicted are different views of the spatial collage, concept sketches and the Gateway to Russia (front view and insight into a not enterable room through the cleft of the gateway)

Abgebildet sind verschiedene Raumansichten, Konzeptskizzen und das Tor für Rußland (Frontalansicht und Einsicht in unbetretbaren Raum durch die Torspalte)


Warum er nach Rußland gegangen ist? Es war der Wunsch nach Dialog, nach Austausch, insgeheim sicher auch der nach Rehabilitierung einer einstmals unterdrückten und verbotenen Arbeit. Es war der Wunsch, „geistige Nahrung“ – und das meint Hoffnung – in ein ausgehungertes Land zu bringen.

So kommuniziert Sacharow-Ross‘ Station mit der Befindlichkeit des Landes.Vorgeschichte, Organisation und Verlauf der Ausstellung sind eng verknüpft mit der Geschichte: mit der Auflösung der alten Sowjetunion, mit Glasnost und Perestroika. Sie ist möglich geworden durch den dramatischen Wandel, den Beginn des demokratischen Umbaus der Gesellschaft. Aber die halbherzige Abdankung der überlebten Ordnung hat Chaos hinterlassen: einen rechtsfreien Raum der Gewalt, Erfahrung der alltäglichen Not, Mangel an allem, Korruption, trostlose Armut vor allem der Alten, mafioser Reichtum, verfallende Häuser, das Volk ermüdende Machtkämpfe im Parlament, wirtschaftlicher und ökologischer Ruin…

Am 21. Januar, ausgerechnet am Eröffnungstag der Ausstellung ist Lenin 69 Jahre tot: auf dem Roten Platz eine Großdemonstration der Altkommunisten.

Szenenwechsel. Ein unscheinbares Kirchlein, jahrzehntelang entweiht und als Lagerhalle mißbraucht, ist jetzt Baustelle: Renovierung, Restauration aus eigener Kraft. Eine Holzstiege führt nach oben. Der junge Priester lädt die Fremden an den Tisch, die Gemeinde nimmt sie freundlich auf. Brot und Wein. Epiphanias. Die Erscheinung des Herrn feiern die Russisch-Orthodoxen am 19. Januar.

Es ist eine Zeit, in der die ehemalige Weltmacht die Industrienationen um Unterstützung bittet, die gewährten Kredite gleichwohl und der Transfer von Technologie und Waren hinter den russischen Erwartungen weit zurückbleiben. Es ist eine Zeit, in der sich trotz Scham und Stolz, eine Russische Kommission für Humanitäre Hilfe etabliert und befreundete Staaten, insbesondere die Deutschen, Lebensmittel, Medikamente und Winterbekleidung spenden und Projekte fördern wie Wärmstuben und Suppenküchen.

Die Frage „ob man da noch eine teure Ausstellung aus dem Westen braucht, von einem, der dort jetzt lebt“, ist leicht zu beantworten. In dieser Situation das Werk eines aus dem Lande Vertriebenen zu zeigen, ist sicher eine Art Wiedergutmachung, „Ausdruck eines Schuldgefühls“, wie die Stellvertretende Direktorin des Russischen Museums, Jewgenija Petrowa, in ihrem Geleitwort zum Ausstellungskatalog schreibt. Wie wichtig es aber gerade jetzt ist, „daß wir mit den russischen Künstlern in Kontakt kommen, die im Ausland leben“, erklärt der Stellvertretende Kulturminister in seiner Eröffnungsrede. Rußland braucht bene gerade auch den „Transfer des Geistes“ und nicht nur wirtschaftliche Kooperation. Dabei steht Kunst nicht für die Kompensation von Sinnverlust, nicht für die Ablenkung vom täglichen Defiziterfahrungen – sie ist Impuls, Zukünftiges zu antizipieren, Licht-Blick, Ausdruck der Freiheit des Gedankens und des Schaffens. Und von westlicher Mentalität und Lebensform inspirierte Kunst in Westeuropa aufzusuchen, ist für die meisten Russen bisher nicht erschwinglich.

Sacharow-Ross‘ Ausstellung wird zum Beleg für einen gelungenen Kulturaustausch. Die Intention, eine Brücke zu bauen, hat viele bewogen, das Unternehmen zu begleiten: Goethe-Institut, Auswärtiges Amt, Stiftung Kunst und Kultur Nordrhein-Westfalen, Kunstfonds e.V. und die vielen Förderer aus der Wirtschaft, die mit der Übernahme von Sachleistungen jenes Projekt erst ermöglichten.

Sicher, der Brand war ein Alptraum. „In jeder der schlaflosen Nächte auch ein anderes Werk vor mir auf, und ich vollziehe seine Entstehung in allen Einzelheiten nach.“ Aber Sacharow-Ross hat aus der „Katastrophe eines Künstlers“ keine Tragödie gemacht. „An Exhibit Rises Out of the Ashes“, sportlich überschreibt The Moscow Times ihren Bericht. Die improvisierte Ausstellung ist geglückt. Hunderte, meist junge Leute sind gekommen. Sie suchen das Gespräch mit dem Künstler. Berichte, Diskussionen und Interviews in Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen. Kollegen, Schriftsteller, Freunde und Verwandte sind da. Aber es gibt auch die, die jeden Emigranten als Verräter der russischen Kultur meiden. Glück und Enttäuschungen, Euphorie und Erschöpfung liegen nah beieinander.

Petra Giloy-Hirtz in: Igor Sacharow-Ross. Feuer und Fest / Fire and Festival. Edited by Petra Giloy-Hirtz. Hatje Cantz, Ostfildern 1994


Publications/Publikationen:

Igor Sacharow-Ross. Feuer und Fest / Fire and Festival. Edited by Petra Giloy-Hirtz. Hatje Cantz, Ostfildern 1994

Igor Sacharow-Ross: SAPIENS / SAPIENS. Edited by Syntopie Ort. Salon, Cologne 2002


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