Syntopie Labor 2019

Neues aus dem Syntopie Labor

Syntopie Symposium 01.06.2019


Newsletterbeiträge

Sascha NitscheAusführender Zimmerer des Blockhauses
an der Simultanhalle, Köln 

Dr. Antonia Lindner
Kunsthistorikerin
Galerie Boisserée, Köln

Prof. Dr. Rudi Balling
Direktor Luxembourg Centre for
Systems Biomedicine, Luxemburg 

Hans Peter Michel
Davos

Bernhard “Felix“ von Grünberg   
Stellvertretender Vorsitzender der UNO-Flüchtlingshilfe
Vorsitzender des Deutschen Mieterbundes Bonn

Dr. phil. Amélie Schenk
Ethnologin

Prof. Dr. Ernst Pöppel
Humanwissenschaftliches Zentrum der LMU München

Dr. Gisela Gräfin v. Stosch
Köln

Matthias Jung
Fotojournalist

Prof. Dr. Franz Porzsolt
Institute of Clinical Economics (ICE) e.V., Ulm

Prof. Dr. Hennric Jokeit
Leiter Institut für Neuropsychologische Diagnostik
und Bildgebung, Zürich

Dr. Christa Sütterlin
Humanethologie, Max-Planck-Institut für
Ornithologie, Seewiesen

Béla Pablo Janssen
Bildender Künstler


SASCHA NITSCHE

Mathildes Geschenk

Als ich Igor im Sommer 2000 kennenlernte, hatte ich gerade die Meisterschule bestanden, war Vater geworden und gerade nach Köln zurückgekehrt. Arbeit hatte ich noch nicht, als mich ein ehemaliger Kollege zum Sommerfest der Kölner Zimmererinnung einlud. Eine gute Gelegenheit, einige Zimmererkollegen zu treffen und der Eine oder Andere würde jetzt im Sommer sicher einen Mitarbeiter gebrauchen können.Igor war –  mit seinem Anliegen, Hilfe für den Aufbau eines russischen/udmurtischen/tatarischen Blockhauses zu finden – ebenfalls vor Ort. Dieses sollte im Rahmen seines Syntopieprojektes an die Simultanhalle der Stadt Köln angebaut werden. Das war alles was ich mitbekam, denn Igor hatte bereits gesprochen. Ein Blockhaus, das war nach meinem Geschmack, denn auf meinen Wanderjahren als Geselle, dachte ich einen Riecher bekommen zu haben für ein gutes Abenteuer. Einige Kölner Zimmereibetriebe hatten ebenfalls bereits zugesagt Igor zu unterstützen, was die Sache – hinsichtlich meiner Ambitionen in Köln Arbeit zu finden – rund zu machen schien. 
Wenn ich mich recht entsinne hatten die Arbeiten bereits begonnen, als wir Kölner Zimmerleute montags auf dem Bauplatz eintrudelten. Die Kölner Zimmereien hatten ihre Gesellen, Maschienen und Fahrzeuge zur Verfügung gestellt. Manche kamen für wenige Tage, Andere für eine ganze Woche.
Aufgrund meiner Situation, noch keinen festen Job zu haben, war ich der Einzige, der durchgängig dort sein konnte. So fiel mir die Aufgabe zu, die Arbeiten von Kölner Seite fachgerecht zu koordinieren.
Der eigentliche fachliche Leiter der Aktion war allerdings jemand Anderes. Mein verehrter tatarischer Kollege Nurgaian Migasov, der das Haus im Ural vorbereitet hatte.
Man muss von erbaut sprechen, denn ein Blockbau wird auf dem Zimmerplatz teilweise aufgebaut, dabei jedes Holz entsprechend angepasst, danach wird das Haus wieder zerlegt und (gegebenenfalls) woanders hin transportiert, um es dort endgültig aufzubauen.
Da es keine Pläne gab, war Nurgaian der Einzige, der wusste wie die Teile zusammengesetzt werden mussten. Eine unbekannte Situation für uns, zumal der Blockbau hier in der Gegend traditionell nicht verwurzelt ist, so dass keiner wirkliche Erfahrung in der Bauweise hatte.
Verständigen konnten wir uns nicht direkt, da ich weder Russisch noch Tatarisch spreche und auch Nurgaian in seinem Leben bisher noch nicht mit der Notwendigkeit konfrontiert gewesen war, Deutsch zu lernen. Als junger Mann war er am Aufbau des Kosmodroms Baikonur – durch den Bau der ersten Unterkünfte – beteiligt.
Es gab mehrere fleißige russische Studenten, die nicht nur halfen das Haus aufzubauen, sondern genauso fleißig zwischen Russen und Deutschen hin und her übersetzten. So ging es ganz gut.
Irgendwie hat es dann sehr früh gefunkt zwischen Nurgaian und uns. Als Zimmermeister kann ich die Komplexität seiner Arbeit und ihren Schwierigkeitsgrad sehr wohl bewerten. Sieht man darüber hinaus die Lebensumstände im ländlichen Ural, dann weiß man, dass es sich hier wirklich um eine persönliche Leistung handelt, ohne Unterstützung der bei uns inzwischen Alltag gewordenen Hightech-Maschinen. Ich war ganz gerührt, als er staunend vor einem Akkuschrauber stand, mit dem ich vorher ein dickes Loch ins Holz gebohrt hatte. „Elektromaschinen ja, aber mit Batterie? Sehr gut“. Ich weiß noch, wie wir als Lehrlinge von Handmaschinen mit Akku fantasiert haben und der ganze Kabelsalat auf dem Zimmerplatz damit Vergangenheit geworden wäre. Inzwischen gibt es die entsprechenden Akkumaschinen und der Kabelsalat auf dem Zimmerplatz gehört auch der Vergangenheit an, weil eigentlich keiner mehr von Hand zimmert, sondern alles von der Maschine kommt, so ist das eben.
Aber ich finde man darf dann auch mal staunen, wenn Einer das so richtig kann, nur mit seinem Kopf und seinen Händen.
Wir Handwerker sagen: „Du sollst nicht stehlen, außer mit den Augen“. Und so war es auch. Wir haben wirklich viel Spaß zusammen gehabt, uns gegenseitig zu zugucken wie der jeweils Andere die gleiche Aufgabe angehen würde. Beeindruckt hat mich auch seine leise Stimme, eher ungewöhnlich auf deutschen Baustellen. Man spürte die ganze Zeit einen Stolz, der sich nicht über Andere erhebt.
Nach einem wunderbaren Richtfest, auf dem Nurgaian eine tatarische Volksweisheit vortrug, kam der Abschied. Wir haben beide geweint, obwohl wir in der ganzen Zeit nie ein direktes Wort miteinander sprechen konnten.
Leider habe ich Nurgaian seitdem nicht noch einmal treffen können. Die Entfernung ist einfach zu groß. Die folgenden Jahre der Betriebsgründung und Selbstständigkeit, haben meine Reisetätigkeiten auf ein Minimum begrenzt.
Aber ich werde ihn nie vergessen, meinen einzigartigen Kollegen.
Die Freundschaft, die Igor, Alla und andere Beteiligte seitdem mit mir verbindet ist ein bleibendes Geschenk.
Damit sind wir bei Mathilde angekommen.
Mathilde ist ein Wort aus dem Rotwelsch, jenem mittelalterlichen Esperanto der Landstraße. Mathilde ist die Straße selbst und in der Tradition der Fahrenden ist sie so etwas wie eine mystische Persönlichkeit.
Denn wer sich auf eine Reise begibt, nicht eine Pauschaltour-all inclusive oder Europa in 14 Tagen, sondern schlimmstenfalls eine Flucht, oder vielleicht eine Pilgerfahrt, eine Interrail in den Achtzigern, die Fahrten der bündischen oder die Handwerkswanderschaft, sowas eben, der lernt Mathilde kennen.
Den meisten dürfte sie aus der inoffiziellen australischen Nationalhymne bekannt sein: „Waltzing Mathilda“, von Banjo Patterson. Der Ausdruck bezeichnet das Umherziehen der australischen Wanderarbeiter, der sogenannten Swagmen. Das Lied besingt ihre Not und Verzweiflung. „Walzen“ bedeutet im Rotwelsch reisen und „Waltzing Mathilda“ die Straße bereisen – na bitte.
Auch wenn in Australien das Wort Mathilda von der Bezeichnung des Reisebündels hergeleitet wird, so ist die Verbindung zum europäischen Rotwelsch doch offenbar.
Wer sich auf eine solche Reise begibt – oder begeben muss – ist einerseits auf sich zurückgeworfen – auch wenn er mit Anderen reist – und andererseits oft genug anderen Menschen, unter Umständen, ausgeliefert. Das macht verwundbar und zwingt zur Offenheit. Schon eine einfache Grippe kann auf einer solchen Reise bei begrenzten oder knappen Mitteln eine ziemliche Katastrophe sein.
Oft verläuft eine Reise nicht so wie man es vorher gedacht hat, doch macht dann am Ende Alles irgendwie einen Sinn. „Das ist Mathilde“ sagen dann die Gesellen.
Die Selbsterkenntnis kommt oft erst Jahre später. In der Zeit selbst empfindet man Vieles als von außen gesteuert und mystisch. Inzwischen glaube ich, dass man sich in dieser Zeit, von Allem befreit, unbewusst zu dem hingezogen fühlt, was einen bewegt. Und so scheint dann jeder zu erleben, was er erleben soll. Diese Erfahrung teile ich mit vielen gereisten Menschen.
Aber selbst für „Sesshafte“ ist es möglich Mathilde kennen zu lernen. Wer sich vermeintlich Fremden gegenüber offen verhält, wird feststellen, dass diese gar nicht so fremd sind. Wer sich die Neugier behält, die wir als Kinder einmal hatten, hat gute Chancen das eine oder andere Abenteuer zu erleben, ohne auf Reisen zu sein. Vielleicht ist es ja der reisende Handwerksgeselle, mit oder ohne Grippe, dem man Obdach gewährt, oder der/die Geflüchtete, den/die man einstellt.
Offenheit ist ein Abenteuer und natürlich erfährt man auch Enttäuschung. Ich muss allerdings sagen, wenn ich Bilanz ziehe, möchte ich nicht eines meiner Erlebnisse gegen die vermeintliche Sicherheit der Abgeschlossenheit tauschen.


DR. ANTONIA LINDNER

Wie kann man die aktuellen Konflikte der Welt mit Beiträgen aus Wissenschaft und Kunst lösen? Gedankengänge

Die Welt als Bevölkerung, Menschheit, Gesellschaft betrachtet, ist determiniert von Wandel. So auch die Natur.
Ohne Wandel und ohne die Akzeptanz dessen, wäre keine Gesellschaft mehr vorhanden.
Die Natur hingegen schon.
Wandel findet statt auf allen Ebenen und in allen Bereichen die das menschliche Leben berühren.
Wandel setzt Anpassungsfähigkeit voraus. Aber auch kreativen Umgang mit dem Neuen.
Wandel und Veränderung und deren Akzeptanz sind Überlebensgrundlagen. Und gleichzeitig sind sie das, was wir fürchten, womit wir kaum umzugehen wissen.
Keimt das Potential für Konflikte in Wandel und Veränderung?
Keimt das Potential für Konflikte in der aus der Angst vor Veränderung resultierenden Stagnation?
Keimt das Potential für Konflikte in der – aus dieser Stagnation resultierenden – Abgrenzung?

Diese Abgrenzung zeigt sich beispielsweise in der Singularität der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen. Ebenso singulär – und damit wertend – werden sie öffentlich wahrgenommen.
Die Fachbereiche entwickeln sich unterschiedlich stark, divergieren auseinander, und damit auch das Maß ihrer gesellschaftlichen Reputation; gemeinschaftliche Erkenntnisse sind nicht das Ziel.
Kann es gemeinsame, interdisziplinäre Forschungsstätten geben, die breite Erkenntnishorizonte festlegen und die Methodik und Resultate aller Disziplinen gemeinschaftlich anwenden?
Wenn die unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereiche ihre Anstrengungen zusammenlegten, könnten so die Fokussierung und Zentralisierung nur jeweils einer wissenschaftlichen Zielsetzung aufgebrochen werden, um dann in weitaus größeren Zusammenhängen zu denken und zu forschen?

Kunst ist, als eine der ältesten Tätigkeiten des Menschen, nie obsolet geworden.
Dabei darf man nicht außer Acht lassen, dass das Bannen natürlicher Formen und abstrakter Gefühle, auf einen Bildträger oder in eine Form, zu den größten Leistungen gehört, die das menschliche Gehirn vollziehen kann.
Kunst ist nötig, um individuell Erfahrenes für andere erfahrbar zu machen. Kunst ist nötig, um zu lernen, dass es unzählige Weltbilder gibt.
Künstler sind keine Protagonisten, sie sitzen in den Rängen und betrachten uns in unserem Tun.Ihre künstlerischen Äußerungen sind Kommentare zu unserem Verhalten, zu den Vorgängen in der Welt. Sie halten uns vor und weisen auf, was aus unserem Tun resultiert.

Den Konflikten, die unsere Zeit determinieren und die unsere Zukunft determinieren werden, kann nur mit Lösungen begegnet werden, die aus der gemeinschaftlichen Anstrengung aller wissenschaftlicher Disziplinen hervorgehen. Um diese Herausforderung zu bewältigen, bedarf es Kreativität und den Mut, unbekannte Wege zu beschreiten.

Hierbei empfiehlt sich die Kunst als der beste Berater.


PROF. DR. RUDI BALLING

Damit Syntopie nicht zur Entropie wird
Interdisziplinäre Forschung

Igor Sacharow-Ross hat die Frage aufgeworfen, ob es divergierende Weltbilder sind, die dazu führen, dass Personen und Gruppen miteinander in Konflikt geraten. Und Christian Bauer fragte zu Recht, mit welchen Ansätzen und Beiträgen Wissenschaft und Kunst effektiv zur Bewältigung aktueller Konflikte beitragen können.

So wie wir gerade eine dramatische Transformation unserer Gesellschaften, durch die informationstechnologische Revolution, erleben, so erleben wir auch, wieder einmal, eine wissenschaftliche Revolution. Es lohnt sich noch einmal Thomas S. Kuhn’s «On the Structure of Scientific Revolutions» zu lesen. Wir haben ziemlich erfolgreich die letzten hundert Jahre damit verbracht, komplexe biologische Systeme auseinanderzubauen und einen Katalog ihrer Einzelteile zu erstellen. Nur hat der Anblick der Einzelteile uns bisher leider weder den gewünschten Einblick, noch einen Überblick über das gesamte System gebracht. Wir sehen nicht nur vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, sondern der Wald verschwindet im wahrsten Sinne des Wortes vor unseren Augen. Die Zeit drängt. Die Angst ist schon da. Eine gute Idee scheint noch weit weg zu sein.

Mein Vorschlag ist, es mit Interdisziplinarität zu versuchen. Ich darf jetzt schon sagen, dass das einfacher gesagt als getan ist. Jeder redet darüber, aber nur Wenige wissen was es damit auf sich hat, und die Wenigsten meinen es ernst damit. Wenn wir uns die Kunst ansehen, die in der Idee der Syntopie entstanden ist, dann erkennen wir den Anspruch, – um wieder mit den Worten Igor Sacharow-Ross’s zu reden – das hier «Werke verdichtet und symbolisch transformiert» werden. Die Grenzen der Disziplinen verschwinden. Die «Silo’s» werden aufgerissen. Vielleicht war es das, was die Studenten Ende der 60er meinten, als sie «Weg mit den Talaren, weg mit dem Muff von 1000 Jahren» forderten. Interdisziplinarität würde auch der Politik gut tun. Und den leitenden Köpfen grosser und kleiner Organisationen. Die stecken ihre Köpfe allerdings lieber in den Sand. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Im «Interdisciplinary Centre for Systems Biomedicine» der Universität Luxembourg versuchen wir es trotz Allem. Experimentelle Biologie, Bioinformatik und klinisch-medizinische Forschung unter einem Dach. Anstelle eines Elfenbeinturms der Turmbau von Babel? Bisher ging es gut. Auch wir «verdichten Werke und transformieren sie symbolisch». Die Symbole sind dabei mathematischer Natur. Wir suchen das Gemeinsame, das Verbindende, das was ein komplexes System am Laufen hält. Natürlich braucht es dafür Einzelteile. Die müssen aber, wie die Musiker in einem Konzert, konzentriert, Hand in Hand, Idee zu Idee, Idee zu Implementation, als Gesamtes ihre Funktion erfüllen.

Eine der Zielfunktionen lautet: Entdeckung und Innovation. Erst in den letzten Jahren – und mühsam – hat man die Rolle der Kommunikation für die Innovation entdeckt. Das wichtigste Labor ist der Kaffeeraum. Das Gespräch. Scheinbar ungerichtet. Und so langsam erkennen wir auch den Wert der Ästhetik, vor allem in der Architektur, für Innovation. Henn und Allen haben in ihrem Buch «The architecture of Innovation» dargelegt, dass wir für Innovation sowohl Raum für Konzentration, als auch für Kooperation benötigen.

Gib mir Muße, ich gebe dir Fragen.
Gib mir Fragen, ich gebe dir Hypothesen.

Hypothesen sind ein Kompass. Sie zeigen mir die Richtung. Sie zeigen mir nicht, wo die Stolpersteine liegen. Interdisziplinäre Forschungszentren sind ideale Orte, um Beobachtungen, Ergebnisse, Ideen zu verdichten, daraus zu abstrahieren und zu generalisieren. Dort lässt sich nach «Invarianten» suchen, wie Emmy Nöther das in der Zahlentheorie gemacht hat. Eigenschaften, die sich auch unter einer Transformation nicht verändern. Die Begründer des Informationszeitalters, Claude Shannon, Andrei N. Kolmogoroff, John von Neumann, vor allem aber Norbert Wiener haben schon geahnt, dass die «Informations-Theorie» vielleicht ähnliche Konsequenzen haben wird wie die Relativitätstheorie.

Wir leben in einem Zeitalter der Unsicherheit. Claude Shannon hat durch die Übertragung des Begriffs der Entropie – aus der statistischen Mechanik von Ludwig Boltzmann – auf die Nachrichtenübertragung einen mutigen Schritt gewagt. Unsicherheit erzeugt beim Menschen Angst, die dann zu irrationalem Verhalten führt. Unsicherheit in der Übertragung von Bits und Bytes lässt sich mathematisch angehen. Gib mir den «Wald der Big Data». Ich sage Dir das Verhalten der einzelnen Bäume voraus. Macht sich der Wald bald die eigenen Bäume?  Von der Universität zur Singularität? In der Welt, in der Facebook zu Fakebook wird, ist es auch nicht mehr weit, dass «Perceptrons leads to Deep Learning» dazu mutieren, dass «Perception leads to Reality»  wird.

Zurück zur Frage von Ernst Pöppel: «Mit welchen effektiven Beiträgen zur Bewältigung aktueller Konflikte ist durch gegenwärtige wissenschaftliche und künstlerische Ansätze zu rechnen?». Für mich haben Norbert Wiener und Arturo Rosenblueth die Antwort gegeben: «Lass uns die Wissenschaften dazu nutzen, Maschinen zu bauen. Lasst uns das Wissen, diese Maschinen zu bauen, dazu nutzen, den Menschen zu verstehen.» 

Literatur:

Thomas S. Kuhn:
On the Structure of Scientific Revolutions
University of Chicago Press, 1962

Claude Shannon:
A mathematical theory of communication.
The Bell System Technical Journal,Vol. 27, pp. 379–423, 623–656, J

Andrei N. Kolmogoroff:
Selected Works of A.N. Kolmogorov, Vol. I-III
Springer Netherlands, 2012
John von Neumann:
The Computer and the Brain
New Haven/London: Yale University Press, 1958

Norbert Wiener und Arturo Rosenblueth:
Cybernetics: Or Control and Communication in the Animal and the Machine Paris, 1948
Hermann & Cie & Camb. Mass. (MIT Press)

Thomas Allen & Günter Henn:
The Organization and Architecture of Innovation
 Routledge, Taylor and Francis Group, 2007

Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB)
wwwen.uni.lu/lcsb


HANS PETER MICHEL

Weltbilder sind nie vollständig, sie sind nicht neutral, sie enthalten stets eine Wertung. Die wahrgenommene Umwelt wird immer interpretiert und ist darum auch nie objektiv. Daraus folgt, dass es verschiedene Ansichten und somit auch verschiedene Weltbilder geben kann.

Das menschliche Gehirn kann niemals alle Informationen aus der Umwelt aufnehmen und ist darum gezwungen, eine Grobeinschätzung oder eine vorläufige Meinung zu bilden. Diese vorläufige Grobbeurteilung kann auch als Vorurteil oder Stereotype bezeichnet werden. Vorurteile sind meist negativ besetzt und schwer zu überwinden.

Wie soll damit umgegangen werden? Wenn wir auch nie alle Vorurteile ablegen können, soll doch gegen sie angekämpft werden. Der erste Schritt zur Einschränkung von Vorurteilen ist die Selbsterkenntnis, dass man Vorurteile hat. Auch die Aneignung von Wissen reduziert Stereotype. Schliesslich besteht eine Möglichkeit, negative Vorurteile gegenüber Anderen zu vermindern darin, zusammen zu arbeiten, um gemeinsame übergeordnete Ziele zu erreichen. Oft sind es selbsterfüllende Prophezeiungen, die negative Meinungen bestätigen.

Dazu eine kurze Geschichte, die mir der Begründer des World Economic Forums, Prof. Klaus Schwab, erzählte: Als Ende der 80er-Jahren die Türkei und Griechenland kurz vor einem Krieg standen, begegneten sich in Davos in dem Hinterzimmer eines Hotels die Ministerpräsidenten jener Länder: Turgut Özal und Andreas Papandreou. Anfänglich war die Stimmung äußerst frostig. Um die Atmosphäre aufzulockern, sprachen sie über ihre Jugendzeit. Es stellte sich heraus, dass beide als Knaben Schafe hüten mussten und das sogar ganz in der Nähe von einander. Darauf änderte sich die Stimmung zum Guten, beide sahen im Anderen einen Teil von sich selbst, die Feindschaft reduzierte sich und das Gefühl der Gemeinsamkeit nahm zu.

Ob dieses Treffen einen Krieg verhinderte, kann nicht belegt werden, doch eine Annäherung der verschiedenen Weltbilder fand statt.


BERNHARD „FELIX“ VON GRÜNBERG

German Angst

Der Begriff „German Angst“ wird im internationalen Diskurs immer wieder verwendet. Zwar wird in der Regel Deutschland und die Kanzlerin Merkel international gelobt für die Bereitschaft, z. B. Flüchtlinge aufzunehmen.
Innerhalb Deutschlands ist sie aber auch von ihren Parteien (CDU/CSU) so kritisiert worden, dass sie nach Wahlverlusten nicht wieder kandidieren will. 

Was ist das nun, die „German Angst“? Weltweit gibt es 68,5 Millionen Flüchtlinge (inzwischen 70,8 Millionen). Hiervon leben 2,5 Millionen in Europa. Die großen „Flüchtlingslasten“ haben arme Länder zu tragen, in deren Nachbarländern Kriege oder sonstige massive Konflikte herrschen. 
Allein in Afrika gibt es 20 Millionen Binnenflüchtlinge. Gleichwohl entwickelt sich in Europa – und nicht nur in Deutschland – die Vorstellung, man müsse alleine die Folgen der Krisen dieser Welt ertragen. Es werden neue Grenzen in Europa errichtet, nicht nur in der Realität, sondern 
vor allen Dingen in den Köpfen, obwohl Europa, vor allem Deutschland, hohe wirtschaftliche Interessen an einer globalen Kommunikation haben müsste. Aber auch, weil wir aus unserer Geschichte wissen müssten, welche verheerenden Folgen Ausgrenzung, Ängste, Vorurteile
und Nationalismen haben. 

Dabei brauchen wir in Deutschland wegen unserer geringen Geburtenrate dringend Zuwanderung. Die deutsche Industrie ist der Auffassung, dass mindestens 400.000 Menschen pro Jahr nach Deutschland zuwandern müssten, um den bisherigen Produktionsstandard aufrecht zu erhalten. 
Die Äußerung der Kanzlerin „Wir schaffen das“ wird auch in Realität wahr. Nach einer kürzlich von der UNO-Flüchtlingshilfe in Auftrag gegeben Stichpunktumfrage beim Deutschen Mittelstand, wird das Ergebnis der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen als sehr positiv erlebt. 
Das ist auch kein Wunder, weil im Gegensatz zur damaligen Gastarbeitergeneration, der Staat jetzt erhebliche Integrationshilfen anbietet. 

Das Phänomen der „German Angst“ gibt es ja nicht nur in der Flüchtlingsfrage. Auch bezüglich der Sicherheit gibt es eine weitverbreitete Furcht, obwohl die Zahl der Straftaten seit Jahren zurückgeht. 
Liegt diese Einschätzung daran, dass alle Nachrichtensendungen voll mit Katastrophenmeldungen aus der ganzen Welt sind, die ja auch deswegen eine so hohe Einschaltquote haben, weil sie gerne gesehen oder gelesen werden? Wir sind auch Weltmeister im Ansehen von Kriminalfilmen 
und dem Lesen von Kriminalromanen. 

Wir alle – und nicht nur die Politik – müssen uns überlegen, wie wir diese „German Angst“ überwinden. Vielleicht ist der Ansatz dieses Treffens, nämlich Wissenschaft und damit der Versuch der Lösung von Problemen, zu kombinieren mit der Kunst als emotionalem Werteträger (Kunst auch als 
Ersatz für die verloren gegangene Religiosität) einer der Wege aus diesem Dilemma. Ich persönlich kümmere mich um außereuropäische Kunst, auch aus Verneigung vor deren Kraft und schöpferischen Vielfalt. Das soll auch ein Zeichen gegen den eurozentristischen Kolonialismus in unseren Köpfen sein.
Denn aus nichts anderem besteht diese „German Angst“.


DR. PHIL. AMÉLIE SCHENK

Sprechender Knochen – das Schafschulterblattorakel
bei den Nomaden der Mongolei



Als Völkerkundlerin möchte ich heute ein Fenster auftun in eine andere, sehr andere Welt: die Welt der Nomaden in der Mongolei.
Dort haben unsere in Deutschland gültigen Werte und Wertungen, unsere Haltung zur Welt und ihr Umgang damit keine Gültigkeit. Es riecht dort so anders, würzig, ja tierisch sehr oft, jedes und alles schmeckt urtümlich, meist ziemlich nach Wildnis. Die Farben des Alltags sind so anders, klingen, tönen, singen, tuscheln, flüstern und was nicht alles; und so sind Farben Ausdruck von Gemütszuständen. Landschaften schwingen und klingen auch, und so berührt einen ihr Singsang auf recht wundersame Art und Weise – Demut überkommt einen.
Mit unseren westlichen, überakademisierten oder psychologisch verflixt-strickten Maßstäben dort das Leben zu messen, würde bedeuten, es zu vergewaltigen. Das, was wir als vorwissenschaftlich geneigt sind zu bezeichnen, ist im Grunde die Urwissenschaft, die schon ein Kleinkind vorgeführt bekommt, erlernt und bald anzuwenden weiß. Und weil da die große Natur so urgewaltig ist, sucht der Mensch, klein wie er ist, sich in ihr Muster einzufügen, oder die Natur zu trösten und zu besänftigen, um zu überleben. Das ist dortzulande die große Überlebenskunst. Die Nomaden wissen sehr wohl, die Natur ist immer der Meister, dirigiert; der Mensch ist und bleibt klein.
Das Wasser lebt, kommt weiß schäumend vom Berg herabgestürzt oder quillt als schwarzes Quellwasser hervor. Damit wurde ich nach meiner Geburt als erstes gewaschen. Und die Erde ist die Heimaterde, auf die ich bei meiner Geburt gefallen bin; dort liegt die Nabelschnur neben dem Mutterkuchen begraben. Vergessen tut das die Mutter nie, und das Kind erfährt es von ihr, geht später in Notzeiten dorthin, betet, fleht um ein gutes Schicksal. Die Steine sind auch lebendig, denn es heißt bei den Bergnomaden des Altai-Gebirges: Ein Stein, der bewegt wurde, weint drei Jahre lang. Die Berge sind wie Großväter, altersweise und mächtig, gewaltig zum Himmel aufragend, die Erde ist die Mutter aller, immer mütterlich sorgend, so auch alles, was darauf gedeiht und sprießt und fließt.
Aus solch einer urtümlichen Welt möchte ich hier etwas vorführen. Und dazu braucht es einen Kunstgriff, den ich jetzt anwende.
Wir alle haben heute bereits – möglicherweise in einem romantischen Anflug und voller Sehnsucht nach dem Ursprung, wie es der Religionswissenschaftler Mircea Eliade so treffend formuliert – von diesen alten Dingen, die nur mehr noch erahnt sind in unser Welt, gehört. Mir scheint, erinnern wir unsere eigenen altvorderen Dinge, dann helfen sie uns, sich auf die nomadischen Anderswelt einzustellen. Ich möchte sie nun nennen.
Da wurde vom Versuch erzählt, bei den Angehörigen der Himba-Volkes in Namibia herauszufinden, wie und was sie als erstes malen, wenn man ihnen, die nicht zeichnen und malen, Stift und Papier in die Hand gibt. Es sind erstaunlicherweise Menschenzeichnungen einfachster Art, eine Senkrechte, davon rechts und links jeweils ein Arm abstehend und unten zwei Beine. Vielleicht noch ein Geschlechtsteil dazu. Grundsätzlich sind es einfache Strichmännchen. Diese Art Zeichnungen finden sich abgewandelt weltweit in Höhlen, auf Felsen und Wänden eingeritzt oder in Rötel darauf gemalt. Der Mensch ohne viele Zutaten, ohne Zivilisation, aufs Wesentliche reduziert! So begegnet er mir in der Mongolei, weitab von den Städten und Siedlungen, in Jurten aus Filz lebend mit seinem Vieh auf den Weiden des Steppengürtels, dessen Ausläufer bis in unsere Breiten reichen.
Dann wurde heute auch sinngemäß gesagt: Mit dem Aufkommen der Schrift änderte sich alles. Wie zutreffend! Die Naturvölker oder kleinen Völker weltweit, zu denen wir auch die mongolischen Nomaden zählen, wurden von den Völkerkundlern lange als diejenigen, die schriftlos sind, beschrieben. Sie waren der Gegenstand der Ethnologie schlechthin. Sie galten als diejenigen jener alten Zeit, als die Schrift noch nicht geboren war. Geschichte wurde also nicht mittels der Schrift aufgezeichnet, sondern in Ritualen, Epen, Gesängen, Genealogien auf Wänden oder Gewändern und mittels langer dramatisch inszenierter Auftritte. Folglich verweisen alle diese Ausdrucksformen auf das alte Leben, die alte Zeit, als es noch langsamer, zeitloser zuging.
Ein mit mir bekannter indianischer Medizinmann Nordamerikas namens Lame Deer äußerte sich einmal zu mir über die Bücher und die Bücherkundigen: Alles, was aufgeschrieben ist, hat die Tendenz, sich selbst zu zerstören. Das in Schrift gefasste Wissen kann zerstörerisch sein. Das wirkliche Leben braucht keine Schrift. Wer richtig lebt, ich meine nur und ausschließlich lebt, hat keine Zeit oder nicht das Bedürfnis zu schreiben, zu lesen, sich Notizen zu machen.
Dann war da heute die Rede von der Begegnung von Martin Heidegger und Ernst Bloch, den beiden philosophischen Giganten zu ihrer Zeit, die aber so gar nicht funktionieren wollte. Und dabei wurde die Sprache von Martin Heidegger, die ja immer so dicht an der Sache gewesen sei, fast poetisch anmutend, hervorgehoben. Ja, die Sprache ist Heimat bei den Nomaden, ist ihre Muttersprache, mit der die Mutter das Wiegenlied singt. Die Sprache ist dort ein quicklebendiges Wesen, das sich in alle Richtungen drehen und wenden und mit den Gemütsverfassungen sich verändern und zu situationsbedingten überaus schöpferischen Wortgebilden führen kann. Die Sprache ist, weil sie so ein lebendiges Ding ist, immer poetisch, klangvoll, mitschwingend mit dem Leben. Sie hebt das Leben, bringt Lebensfreude, oder kann es auch absenken, erwürgen, gar abtöten. Denn das Wort gilt. Es wirkt unmittelbar. Der Segensspruch bringt Segen, das Gebet erbittet und erfleht sich etwas, der Fluch hat seine bösen Folgen. Das Wort gilt und bewirkt etwas – sofort. Das Wort ist etwas sehr Materielles, kann wie ein Stein sein, der nach dir geworfen wird, oder das Gegenteil, eine liebliche melodiöse Säuselei, die dich umschmeichelt, verführt. Die Sprache sagt vorne nicht dies, und meint mit Hintergedanken das, also etwas ganz anderes. Das Wort gilt.
Noch einmal. Drei Dinge meine ich: Es ist der Mensch, der sehr einfach gesehen und begriffen wird. Es ist der naturbelassene Mensch. Es ist die Schrift, die es nicht gibt, stattdessen aber die Buchlosigkeit und ihr markiges Wissen, die das Leben regieren. Und dann ist da das Wort, das wahr-sagt und keine Lüge oder Doppelzüngigkeit beinhaltet. 


 

Meine Nachlässigkeit oder der Hang zum Wagnis und zum Vagen ist meine Methode. Oder ist es etwa gar keine? Eigenartiger Weise finde ich ohne zu suchen fast immer und überall die letzten Inseln der Menschlichkeit und des traditionellen Lebens, wo der Mensch ohne Verkünstelung lebt: einfach, ohne alles zu verschriftlichen und mit trefflichen Worten. So leben die Nomaden mit dem Wissen: Wer einen Tag und eine Nacht ordentlich zugebracht hat, hat schon richtig gelebt. Dieser eine Tag und diese eine Nacht stehen für das ganze Leben.
Soweit meine Vorrede, die schon viel zu lang war. Jetzt zeige ich einen kurzen Film von einer Nomadin, der die Fähigkeit vererbt wurde, das Schafschulterblatt zu deuten. Ihre Mutter konnte es schon, davor ihre Großmutter und so fort. Der Film heißt Das Orakel (MGL 2017 mit dt. Untertiteln; Regie, Kamera, Schnitt: Amélie Schenk, Studio Semoon, Ulaanbaatar) Wir sehen einen uralten Brauch aus einer Lebenswelt, wo man Fleisch isst, traditionellerweise kein Gemüse, aber dafür sommers reichlich Milchspeisen, und wo Fleisch und Knochen eine rituelle, möchte sagen schamanische Bedeutung haben.
Inhalt des Films ist: Westmongolei, Altai-Gebirge. Ein Mann kommt von vielen hundert Kilometern Entfernung mit einem in ein weißes Tuch eingewickelten Schafschulterblatt zu einer Nomadin, die Schulterblattdeuterin ist. Er sucht nach neuen Lebensaussichten. Er will sein Leben höher kommen lassen. Sie bespricht den Knochen mit seinem Namen, seinem Geburtsjahr und seinem Anliegen. Dann kommt das Schulterblatt ins Ofenfeuer; und es brennt so lange, bis sie den Knochen für „reif“ erachtet. Sie holt den ziemlich verkohlten Knochen aus dem Feuer und liest die Landschaften darauf. Damit gibt sie eine Bestandsaufnahme seines Zustandes, hilft ihm mit ihren Deutungen, seine eigene Lage besser zu erkennen und zuletzt hoffentlich auch zu verstehen. Die Aussagen sind offen, wie es in einem Orakel sein kann, aber doch zielgerichtet auf das Leben des Bittstellers hin. Wir verstehen als Fremdländer nicht jedes Detail, aber der Bittsteller nimmt alles an, was sie sagt. Zuletzt bricht er in Tränen aus. Vor Freude oder Betroffenheit? Liebevoll und zugewandt kommentiert sie das: Die weinen immer alle!
Gegen Ende des Films warnt sie vor Missbrauch mit dem Schafschulterblatt. Der Knochen ist da, er wird gebrannt, und nun braucht es den guten Ausdeuter, der nichts vermasseln möge. Es ist, sollte etwas Falsches herauskommen, nicht die Schuld des Schafschulterblatts, sondern die Unfähigkeit des Menschen, der es meint lesen zu können, aber versagt.
Einblicke ins Nomadenleben, das Füttern eines mutterlosen Schafes, das Zupfen der geschorenen Wolle, die Pferde, die im Schnee nach Futter scharren, das Wasser holen vom Fluss in Eimern, spielende, umherspringende Kleinkinder – all das ist in wenigen Bildern auch zu sehen.
Das Wort gilt, wirkt, trifft bis unters Herz, des Ratsuchenden allemal. Eine Erklärung der Erklärung in der Erklärung würde dem Orakel jetzt nunmehr Gewalt antun. Das Schafschulterblatt hat gesprochen, und der Mensch war nur sein willfähriges Instrument. Die Weisheit hinter dem Knochen ist offenkundig.


Prof. Dr. Ernst Pöppel

Syntopia im Atelier von Igor Der Künstler Igor Sacharow-Ross hat uns für das Symposium in seinem Atelier die Aufgabe gegeben, uns Gedanken über “Weltbilder” zu machen. Es gehört zur Natur des Menschen, sich ein Bild von der Welt zu machen. Wir können gar nicht anders. Wir sind nicht Maschinen, die stets nur reagieren, wenn etwas um uns und auch in uns geschieht, sondern wir antizipieren aktiv, was geschehen könnte. Diese Vorwegnahme des Möglichen bestimmt den Rahmen, innerhalb dessen wir die physische und soziale Welt erkennen, und sie somit kennen zu glauben; das kann man als “Weltbild” bezeichnen, das jeder in sich trägt. Dies heisst aber gleichzeitig, dass die Weltbilder jeweils individuell sind; wir sind individuell geprägt, und mein Weltbild kann nicht dein Weltbild sein. Dass solche individuellen Weltbilder auch als “Vor-Urteile” bezeichnet werden können, ist naheliegend; Vorurteile dienen der Reduktion von Komplexität, und sie gehören zu unserer Natur. Wenn jemand sagt, er oder sie habe keine Vorurteile, dann ist genau dies ein Vorurteil.

Wie kann man mit dieser Herausforderung umgehen, wenn man weiss, dass das eigene Weltbild im positiven wie im negativen Sinn Vorurteils-durchtränkt ist? Man muss anderen begegenen, man muss mit Offenheit anderen zuhören und in die Augen schauen; man muss sich dem Weltbild des anderen aussetzen, um so zu erkennen, dass man selber eines hat, und vor allem wie es geprägt ist. Erst durch den Vergleich erkennen wir. Diesen Zweck hat das Syntopie-Symposium im Atelier von Igor erfüllt. An diesem Ort, diesem ungewöhnlichen Raum, sind Menschen aus den verschiedensten Bereichen des irdischen Seins zusammen gekommen, um anderen zuzuhören, die eigenen Gedanken ohne Scheu auszubreiten, kluge und auch dumme Fragen zu stellen, aber auch gemeinsam zu speisen, Wein und Wodka zu trinken, zu lachen und, dies gehört auch dazu, sich über andere zu ärgern, und oft sich über selbst zu ärgern. Es gehört natürlich auch zur Natur des Menschen, dass man die unterschiedlichen Beiträge unterschiedlich bewertet; die eigene Aufmerksamkeit wählt automatisch aus. Man muss zwar offen sein, aber dennoch kann man unterschiedliche Bewertungen nicht vermeiden; wir sind immer auch ein Opfer unserer eigenen Natur, doch sollten wir dies auch wissen. Igor und Alla gebührt größter Dank!


DR. GISELA GRÄFIN V. STOSCH

BEGEGNUNG ZWEIER ANTIPODEN – KANN SYNTOPIE GELINGEN ?

Die notwendige Bedingung für das Zustandekommen von Syntopie ist im Wortsinne das Zusammentreffen an einem Ort – aber ist das auch hinreichend für das Gelingen? Goethe konzipiert in seinem Roman „Wahlverwandtschaften“ (1809)  die Begegnung zweier Paare bei einem Ferienaufenthalt als ein heikles, quasi chemisches Experiment, bei dem er das Mit- oder Aufeinanderreagieren der unterschiedlichen Temperamente – „Elemente“ – beobachtet.

Um ein nicht minder kühnes Experiment geht es im Folgenden. Im Jahr 1961 kam es im Hause des Tübinger Latinisten Ernst Zinn, der häufig Wissenschaftler verschiedenster Provenienz zu Disputationen in sein Haus einlud, zu einer denkwürdigen Begegnung, die ich als Professor Zinns Doktorandin miterleben durfte. In jenem Jahr war der Philosoph Ernst Bloch von einer Reise in den Westen nicht nach Leipzig zurückgekehrt und bekleidete seit kurzem eine Gastprofessur in Tübingen. Ernst Zinn lud ihn zu einem Symposion in sein Haus ein, um ihn der erwartungsvollen Tübinger Gelehrtenwelt zu präsentieren. Und es erschien ihm reizvoll, dem berühmten Philosophen eine nicht minder prominente Koryphäe der Geisteswelt gegenüberzustellen: Martin Heidegger, der nicht weit entfernt, in Todtnauberg, seinen Lebens- und Schaffensmittelpunkt hatte.

In Bezug auf ihre ideologisch-politische Observanz  konnten die beiden Philosophen nicht gegensätzlicher sein: Der Marxist Ernst Bloch hatte einst begeistert für den Stalinismus und die Moskauer Prozesse Partei ergriffen und Stalin als „wirklichen Führer ins Glück“ gepriesen und in der DDR als der marxistische Staatsphilosoph gegolten. Martin Heidegger dagegen hatte 1933 in seiner Freiburger Rektoratsrede „ die Größe und Herrlichkeit dieses (sc.nationalen) Aufbruchs“ verherrlicht und in Todtnauberg ein Wissenschaftslager und eine zentrale Dozentenakademie zur nationalsozialistischen Umwälzung des Hochschulwesens geplant.

Dem unsteten, bedingt durch die politische Entwicklung nicht seßhaften, nach der utopischen Heimat suchenden Marxisten stand der bodenständige, in Todtnauberg verwurzelte ehemalige Jesuitenschüler gegenüber.

Und doch gab es erstaunliche Gemeinsamkeiten. Beide waren etwa gleich alt. (B. geb. 1885 – H. geb.1889 –  und starben später fast gleichzeitig: H. 1976 – B. 1977). Beide stammten aus dem süddeutschen Raum (Ludwigshafen – Meßkirch). Beide hatten Ambitionen zu geistig-politischer Führerschaft und zu extremen politischen Positionen. Für beide war die SPRACHE ein Objekt und Medium ihrer philosophischen Reflexionen. Und beide erlebten später nach der Diskreditierung ihrer politischen Bezugssysteme noch eine Phase reichen geistigen Schaffens.

Waren dies nun hinreichende Bedingungen für das Gelingen ihrer Begegnung? Zur allgemeinen Betroffenheit wichen die beiden einander so demonstrativ aus, daß der Gastgeber ein peinliches Mißlingen seines ambitionierten Vorhabens  fürchten mußte. Da er aber von Blochs Plänen wußte, das Gesamtwerk des schwäbischen Dichters Johann Peter Hebel neu herauszugeben, hatte er den Einfall, die beiden kurzerhand nebeneinanderzusetzen und Bloch aus dem „Schatzkästlein“ just die Erzählung „Unverhofftes Wiedersehen“ vorlesen zu lassen, die dieser früher als die „schönste“ bezeichnet hatte. Da schmolz das Eis, die Gemüter erwärmten sich und beide fanden zueinander auf dem Boden der gemeinsamen Wurzeln, des vertrauten süddeutschen Idioms und einer heimatlichen Mentalität, deren tiefe Verwurzelung offenbar keinen Widerspruch zu dem mächtigen intellektuellen
Überbau beider darstellte.

Im Gegensatz zum tragischen Ausgang in Goethes Roman erwuchs – jedenfalls an diesem Abend – überraschend eine Syntopie, die der wunderbare bewährte KATALYSATOR der POESIE ermöglicht hatte.


MATTHIAS JUNG

REVIER


 Etzweiler , Borschemich oder Otzenrath sind Ortsnamen, die auf mancher Landkarte noch existieren, tatsächlich aber seit Jahren oder Jahtzehnten verschwunden sind.
An Stelle der Orte klafft ein gigantisches Loch in der Erde, manchmal gibt es aber in der Umgebung eine gesichtslose Neubausiedung gleichen namens.

 

Den Verbleib einiger dieser Orte kann man nur erahnen, wenn man die künstliche, rund 250 Meter hohe „Sophienhöhe“ betrachtet, die sich als einzige Erhebung in derEbene zwischen Köln und Aachen auftürmt.
Auf diesem künstlichen Berg landet seit Jahrzehnten der Abraum aus dem
Braunkohletagebau Hambach und somit auch der Boden, auf dem vor wenigen Jahren noch Menschen lebten.

Drei Tagebaue und vier Kraftwerke betreibt der größte deutsche Stromversorger in dieser Gegend. Seit rund acht Jahren fahre ich regelmäßig in den Landstrich, der zwischen den beiden größten Tagebauen, Hambach und Garzweiler, liegt.


 

In dieser Zwischenwelt werden seit Jahrzehnten Dörfer und Städte entvölkert, planiert und die Menschen vertrieben oder umgesiedelt. Drei Orte werden aktuell abgerissen, ein halbes Dutzend soll noch bis 2038, dem offiziellen Ende der Braunkohleförderung im Rheinland, folgen. Mehr als  45.000 Menschen werden dann insgesamt seit Kriegsende von Umsiedlungen in diesem Gebiet betroffen sein.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird im Rheinland Braunkohle im Tagebau gefördert. Die heutigen Großtagebaue wurden in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begonnen.
Von Anfang versuchte die Bevölkerung, sich gegen den Raubbau an Natur und Menschen zu wehren. Städte und Gemeinden, Umweltverbände, Kirchen und Privatpersonen klagten gegen Umweltzerstörung, Gifte und Feinstaub und für das Recht auf Eigentum und Heimat.
Der Braunkohlebetreiber und das Land Nordrhein-Westfalen lehnen jede
Verantwortung für Menschen und Umwelt ab und berufen sich auf die bestehende
Gesetzeslage und die zu erfüllenden Verträge sowie die Verantwortung für Arbeitsplätze. 

In den Jahren der fotografischen Arbeit wuchs mein Unverständnis darüber, wie selbstverständlich Staat, Land, Braunkohle- und Kraftwerksbetreiber, Gemeinden, Parteien und Gewerkschaften die Vernichtung von Orten und Landschaften als systemrelevant und unverzichtbar erachten und wie man sich Alternativen konsequent verweigert. Den Bewohnern bleibt zumeist nur das resignierte „zur Kenntnis nehmen“und das Verlassen der alten Heimat.
Die Geschichten, die ich von den Betroffenen der Umsiedlungen höre, lassen mich oft kaum glauben, dass sie in unserer Demokratie möglich sind.
Oft genug müssen Häuser und Grundstücke an den Energiekonzern zu Preisen verkauft werden, die neues Wohneigentum kaum ermöglichen.
Bewohner berichten nicht selten von unverholenen Erpressungsversuchen der Hauskäufer, die vom Energiekonzern durch die Dörfer geschickt werden.
Einem Ladenbesitzer wird etwas mehr Geld versprochen, wenn er sein Geschäft sofort schließt, um den sterbenden Ort noch unattraktiver zu machen. Anderen werden wenige Euro für die 150 Jährigen Eichen im Garten geboten. Wieder andere Bewohner müssen bei jeder nötigen Reparatur vor dem Hausverkauf alle Denkmalschutzbestimmungen einhalten, obwohl das Haus ohnehin abgerissen wird.
Diese und andere Berichte sind der Grund, warum mich das Thema bislang nicht losgelassen hat und ich immer wieder an die selben Orte fahre.

Die Dörfer, Landschaften und Menschen meiner Fotografien suche ich in der Regel gezielt auf. Das Ergebnis ist somit nie ganz zufällig. Aber auch nie wirklich geplant. Häuser, die ich fotografieren will, sind verschwunden. Die Straßenbeleuchtung , die ich bei Tageslicht wahrgenommen habe, funktioniert nachts doch nicht. Die Menschen, die am Telefon bereitwillig einwilligten sich fotografieren zu lassen, müssen vor Ort neu dazu bewogen werden, da das Thema sie zu sehr aufwühlt.

Seit Beginn der Arbeit stellt sich mir ständig die Frage nach der Angemessenheit der Bilder. Wie viel Schönheit verträgt das Thema? Kann die Ästhetik, zu der ich tendiere, die apokalyptische Situation in der sich Landschaft und Menschen hier befinden,überhaupt ansatzweise transportieren?
Für mich ist die Arbeit im Revier immer die Suche, eine Schnittstelle zwischen
Dokumentation und Emotionalität zu finden.


 

So haben sich mit der Zeit mehrere Themenbereiche entwickelt, die ich verfolge.
Zu den anfänglich ausschließlich nachts fotografierten Orts- und Landschaftsansichten kamen Portraits hinzu.
Mit der neu erstarkten Protestbewegung geben Braunkohleabbau und Verstromung, gegen Landschaftsvernichtung und für den Erhalt des Hambacher Waldeskam das umfangreiche Thema der Proteste hinzu.
Die jüngste Serie beschäftigt sich mit Objekten und Fundstücken, die
Umsiedler, Archivare, Historiker oder Archäologen zur Erinnerung an die ausgelöschten Orte gesammelt haben.

Die Grundfragen beim Beginn des Projektes waren: Was ist Heimat? Was bleit davon übrig? Wo ist der Mensch verortet?
Die Fragen sind weiterhin nicht beantwortet.
Welchen Dienst meine Fotos leisten können ist ebenfalls fraglich, da ehemalige Bewohner die Bilder nur ungern ansehen und ich nicht wenige Menschen getroffen habe, die sich fast aller Erinnerungen an ihren alten Ort entledigt haben. Viele Bewohner der verschwundenen Orte wollen offenbar gar nicht erinnert werden.

Die Arbeit am Thema dauert an.


PROF. DR. FRANZ PORZSOLT

Das Kölner „Syntopie-Symposion“ wurde vom Künstler und Syntopisten Igor  Sacharow-Ross und seiner Gemahlin Alla in deren Atelier in Köln-Ostheim  am 1. Juni 2019 ausgerichtet.
Moderiert hat Prof. Ernst Pöppel, Humanwissenschaftliches Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Pöppel hat das Konzept der Syntopie vor etwa 20 Jahren auf den Weg gebracht. Thema der Kölner Tagung war „Weltbilder“ im Kontext zunehmender Konflikte zwischen Personen und Gruppen. Die Ursache dieser Konflikte wird in den divergierenden Weltbildern vermutet. Der gemeinsame Erkenntnis- und Ereignishorizont in Wissenschaft und Kunst, d.h. das gemeinsame Ziel, das wir vor Augen haben sollten, sei verlorengegangen. Die Teilnehmer des Syntopie-Symposions sind aufgerufen, Vorschläge zur Lösung des Problems zu diskutieren.

In der Tat besteht der Eindruck, in der Welt nähme die Zahl und die Schärfe der Konflikte zu. Ursache könnte die Änderung der Weltbilder sein, die sich von divergierenden (auseinanderstrebenden) zu opponierenden (sich gegenseitig widersetzenden) oder sogar zu oktroyierenden (sich gegenseitig aufzwingenden) Weltbildern verändern. 
Auch aus einer Diskussionskultur könnte sich eine Debatte entwickeln und aus der Debatte Streit. Wenn dann Streit eskaliert, kommen zunehmend härtere und auch fragliche Methoden zur Anwendung. Diese werden in jeder Zeitung oder Nachrichtensendung bestätigt. Im Falle eines fatalen Ausgangs spricht man im Wirtschaftsbereich von Verflüssigung (Liquidation). Ein fürchterliches Bild, wenn man sich vorstellt, dass einzelne Personen oder auch Regierungen mit ihren Opponenten nach erfolgloser Diskussion nicht nochmals diskutieren, sondern diese  verflüssigen.

Der Verlust der Diskussion und ihr Ersatz durch die Liquidation engt den  Handlungsspielraum enorm ein: Aus flexiblen Chancen werden unumkehrbare  Fakten, was befürchten lässt, dass der Erkenntnis- und der  Ereignishorizont generell verlorengegangen sind. Ein Aspekt ist, dass die Wissenschaft immer mehr von der Kommerzialisierung vereinnahmt wird. Geld (ein tangibles Gut) ist leichter zu messen als nicht monetäre Werte (intangible Güter). Wir sollten nicht voreilig aufhören, die nicht einfach zu messenden Güter zu respektieren. Den leichteren Weg zu gehen, indem schwer Machbares umgangen wird, entspricht einem Naturgesetz. 
Diesem Naturgesetz entgegenzuwirken, entspricht der Entwicklung einer Kultur. Kulturen zu entwickeln und zu erhalten, ist ein Ziel, das erfolgreiche Gesellschaften über einen begrenzten Zeitraum hinweg erreichen.

Vergleichen wir Gärten, die entweder mit Hingabe, Engagement und Zielen gepflegt werden, während andere sich selbst überlassen bleiben. Letztere werden auf völlig natürliche Weise „gedeihen“. Orchideen werden blühen oder es werden Früchte zu ernten sein, wenn alle Rahmenbedingungen den Anforderungen von Orchideen oder Früchten entsprechen. Was in den Gärten zu beobachten ist, die sich selbst überlassen bleiben, wird auch in unseren Gesellschaften „blühen“, die sich selbst überlassen bleiben.
Die Natur ist in sich schlüssig. Orchideen werden nur dort wachsen, wo die Syntopie von notwendigen und vorhandenen Anforderungen übereinstimmt. Die Syntopie stimmt dort ohne unser Zutun überein. Unterschiede der Konzepte werden nur bemerkbar, wo Natur auf Kultur trifft.

Wir sollten erkennen, dass „Nichtstun“ – eine Form der natürlichen Entwicklung – gelegentlich eine absolut sinnvolle Strategie sein kann. Das rechte Maß ist aber entscheidend. Sogar das Beste – Nichtstun eingeschlossen –  wird durch Überdosis zum Gift. Die Folge einer gesellschaftlichen Vergiftung ist der Konflikt, und bei bestehenden Konflikten scheint die aktuelle Entwicklung zu zeigen, dass das Intervall von der beginnenden Vergiftung  bis zur Liquidation eher kürzer als länger wird. Wir sollten nicht tatenlos zusehen, bis die Spirale der Eskalation den „point of no return“ erreicht hat. Eine beginnende gesellschaftliche Vergiftung kann durch Syntopie an der Progression gehindert werden, wenn die Syntopie nicht zu spät 
eingeleitet wird.

Die Bedeutung der „Syntopie“, des Zusammenbringens zu einem „Ort“, ist nicht auf die Geographie begrenzt. Den „Standort im Kopf“ nennen wir „Standpunkt“, der auch in der ursprünglichen Definition der Syntopie enthalten ist. Daraus lässt sich als weiteres Ziel der Syntopie das Zusammenbringen von Standpunkten ableiten.Syntopie ist kreativ, weil aus ihrem Verständnis der Unterschied zwischen „Kompromiss“ und „Syntopie“ evident wird: Syntopie beinhaltet die Chance, den einfachen (gemeinen) Kompromiss weiter zu entwickeln. 
Der gemeine Kompromiss beruht auf Abstrichen und Zugeständnissen unterschiedlicher Interessen. Syntopie sucht nach Lösungen; das war die Aufgabe und der Erfolg des Kölner Syntopie-Symposiums.


PROF. DR. HENNRIC JOKEIT

Negative Vision


Das photographische Urbild, bei dem vom Objekt reflektierte Photonen eine Schwärzung der lichtempfindlichen Silberemulsion des Bildträgers erzeugen, ist ein Negativ. Zum Ende des 19. Jahrhunderts begann eine rasante Entwicklung, die eine photographisch bildgebende Praxis in unterschiedlichen künstlerischen, wissenschaftlichen, medizinisch-diagnostischen, dokumentarischen sowie journalistischen Bereichen etablierte und nicht zu vergessen, eine bis heute lebendige Hobbyphotographie.
Die parallele Entwicklung von Smartphone-Fotografie und bildbasierten sozialen Netzen im frühen 21. Jahrhundert liess die Bildproduktion und den Bildgebrauch exponentiell wachsen, was einerseits als Demokratisierungsprozess und andererseits als kapitalistisch entgrenzte Aneignung des fotografischen Bildes zu verstehen ist. Der heute inflationäre Bildgebrauch, der selbstevidente Augenschein eines Bildes und die sich einer  Beglaubigung entziehenden Grundlagen desselben schaffen ein Spannungsverhältnis, das eine bildwissenschaftliche aber auch bildkünstlerische Reflektion herausfordert.
In diesem Kontext präsentiere ich meine eigenen photographischen Arbeiten ausschliesslich in einer Negativ-Form. In dieser Stringenz reflektieren die Arbeiten zunächst mediale Eigenheiten an der Schwelle vom analogen zum digitalen Bild. Als Neurowissenschaftler weiß ich um die Irritation visueller Wahrnehmung durch die Negativ-Form. Sie evoziert eine Entschleunigung des Sehens. Eingedenk dieses Wissens provozieren Negative ganz bewusst eine Wahrnehmung, die sich der uns heute von den neuen Medien im Alltag mehr und mehr abverlangten entgegenstellt. Für den künstlerischen Gehalt dieser Bilder ist jedoch die Frage nach der grundlegenden Bedeutung des Negativen in Zeiten einer exzessiven Positivierung aller Lebensbereiche entscheidender. Die Bilder stehen auch für ein Beharren auf dem grundsätzlichen Wert des Negativen als Voraussetzung des Besseren, Positiven. Zugleich können sie als Anstoß zu einer “negativen Dialektik” im Sinne Adornos begriffen werden, als Aufforderung, aktiv eine negativ empfundene Welt zu negieren.


DR. CHRISTA SÜTTERLIN

Über die Kohärenz visueller und künstlerischer Weltbilder

Die Tatsache vielfältig personalisierter Weltbilder wird heute als demokratisches Recht gefeiert und andererseits auch in ihrer unüberbrückbaren Divergenz beklagt. Folgende kurzen Ausführungen plädieren dafür, dass wir – gerade in der Kunst – dennoch ein einigermaßen kohärentes Weltbild vorfinden. Wie anders wäre von kulturellen oder individuellen  ‚Abweichungen‘ und ‚Verzerrungen‘ die Rede, wenn sich gerade diese nicht an einem einigermaßen klaren Referenz-Rahmen bemäßen, von welchem sie abweichen?
Kunst ist dafür bekannt, dass sie nicht die Wirklichkeit, vielmehr Vorstellungen und Konzepte über diese Wirklichkeit abbildet. Dies hat viele Deutungsversuche auf den Plan gerufen. Die Tatsache, dass ein „Bild“ der Realität aber bereits in unserer Wahrnehmung entsteht, bindet diese Konzepte an ein relativ konservatives menschliches Organ. Dass wir zumindest ähnliche Konzepte haben, wie die zeichnerische Darstellung eines Menschen auszusehen hat, wissen wir aus dem Vergleich von neolithischen Felszeichnungen über verschiedene Kulturräume hinweg sowie aus Erstzeichnungen in heute noch lebenden traditionalen Kulturen.

Diese Erstzeichnungen, wie sie unser Forschungs-Team in verschiedenen Kulturen durch Angehörige dieser Gruppen anfertigen ließen, weisen einen hohen Grad an struktureller und formaler Ähnlichkeit bezüglich konkreter Themen auf. Die Darstellung eines Menschen etwa beschränkt sich in großer Abstraktion auf eine vertikale Körperachse mit symmetrisch angefügten paarigen Gliedmaßen und einem Kopf. So bei den Himba, Rinderhirten in Nord-Namibia, bei den Eipo in West-Neuguinea und bei den Yanomami-Indianern am Oberen Orinoko. Dies völlig unabhängig, ohne feststellbaren Kulturkontakt. Wir nennen dieses Bild- Schema im allgemeinen Strichmännchen, und wir kennen es auch von zahllosen bronzezeitlichen Felsbildern in vielen Gegenden der Erde. Die Übereinstimmung reicht bis in die moderne Kunst bei Joan Mirò und Paul Klee. Kommt es zu Anfügungen oder Erweiterungen dieses Schemas, finden wir wiederum eine große Übereinstimmung vor: es handelt sich um die Vergrößerung und Übertreibung von Händen, Augen oder Sexualorganen – Ausdrucks-Werten also, die sich in Anpassung an die selektive menschliche Wahrnehmung für bestimmte Signale, hier des Imponierens und Drohens, entwickelt haben.
Dass wir Menschen allgemein schematisieren oder akzentuieren, wenn wir unsere Außenwelt abbilden, liegt aber nicht nur an der Kunst, sondern bereits in unserer Wahrnehmung. Wir vereinfachen und reduzieren das Gesehene in einem Grad, dass es vergleichbare und übereinstimmende Merkmale mit anderen Vorkommen festhält. Das dient dem Erkennen und Benennen von Objekt-Kategorien sowie der Orientierung in dieser Welt. Wir schaffen uns Konstrukte, die es erlauben, uns über das Gesehene einig zu werden und in Worten zu unterhalten. Ohne diese künstliche Klarheit – auch in einem Bereich, den man zu den ‚optischen Täuschungen‘, also Fiktionen zählen kann – könnten wir uns in dieser Welt nicht zurechtfinden. Zur Schaffung von Objekt-Kategorien waren perzeptive Unterscheidungs-Kategorien notwendig. Und diese können inter-individuell nicht so stark divergieren, dass wir uns darüber nicht mehr verständlich machen könnten. Dies war für unsere Evolution in Gruppen von zentraler Wichtigkeit. Unser Sehen hat sich in Anpassung an eine Außenwelt entwickelt, die sie wohl oder übel vergleichbar wiedergeben muss.


BÈLA PABLO JANSSEN

Synopsis

Béla and Sophie are two friends, one is an artist, the other is a director. They want to go to Benin together, for two different reasons. Béla wants to explore this country he knew as a child, when he visited his uncle, who was a well digger. Sophie, on her side, meet several mediums who told her that her soul was from Bénin, and she tries to check it.
In the footsteps of an ancestor who made a book documenting the daily life, in a small village in northern Bénin, 30 years ago, our two protagonists, explore the feelings of memory in order to build new ones. To recognize the  avors left intact and the soul twins there, is their path. In the manner of a transfer, the memories will stick on other walls, in Africa or in Europe, to create a future of the past. Between confessions and anecdotes, the Film finds a place of tale.


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© 2019 Syntopielabor, Frankfurter Straße 745, 51107 Köln



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