2020, WALD. WOLF. WILDNIS

Tambows black, 1988-2003


Project at Museum Villa Rot 2020

acrylic, aluminium, bitumen, graphite, plastic, paint color, sound, wood

Acryl, Aluminium, Bitumen, Grafit, Plastik, Farbe, Holz, Klang

267 x 221 x 41 cm


Grausame Wahrheit jenseits des Naturzustands

„Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.“ (Plautus)

Der Mensch ist jenes Lebewesen im Kosmos, das die Wahrheit auszusprechen hat. Wenn wir an die Stelle des Menschen den Wolf situieren – was verändert sich dann? Was verändert sich, wenn wir uns vorstellen, dass sich die Wege des Menschen und die des Wolfes immer wieder kreuzen werden: Werden wir dadurch animalischer? Werden wir mit unserer eigenen animalitas konfrontiert, die wir ohnehin seit den Anfängen der Philosophischen Anthropologie immer schon in das Skript unsere Selbstbeschreibung eingetragen haben, etwa in Gestalt des animal rationale, zoon politikon oder zoon logon echon?

Der Wolf ist sprichwörtlich. Er erzählt uns viel über die Projektionen, die unser Gruppenerleben bzw. unser Leben in politischen Gemeinschaften betreffen. Er ist eine Projektion des Anführens, des Vorausgehens, der taktischen Angriffslustigkeiten; aber der Wolf ist kein Stratege. Der Mensch denkt strategisch, listenreich. Der Wolf täuscht nicht, oder doch?

Ich bin mir sicher, dass er nicht täuscht, denn das wäre lediglich ein Anthropomorphismus, den wir immer anwenden, wenn wir uns den Tieren oder den Göttern zuwenden. Dann gibt es noch die Vertierung des Göttlichen. Wir denken an Anubis oder die Tiere der Apokalypse. Wir denken an die Höllenhunde, die die Wege zu den schrecklichsten Qualen pflastern. Das mehr als Tragische ist ja, dass Menschen im 20. Jahrhundert ja tatsächlich anderen Menschen die Hölle auf Erden bereitet haben: Allein voran in Stalins Russland und in Maos China sind die Menschen absolut vertiert worden. Oder in den Konzentrationslagern der Nazis, wo keine Menschen mehr gehalten wurden. Diese Systeme der Erniedrigung basieren ja auf dem psychischen Mechanismus, das Gegenüber nicht mehr als Individuum, als eine personale Ganzheit eigenen (oder gar göttlichen) Rechts zu betrachten, sondern sie oder ihn entweder vollständig zu versachlichen, also zu einem schieren Ding zu stempeln oder sie in einer Weise zu demütigen, dass sie von sich selbst denken müssen, sie seien in den Rang eines Schlachttiers gestürzt. Der Absturz in die Psychologie des Opfers ist das Äußerste, was Menschen anderen Menschen antun können.


Es ist entsetzlich zu sehen, wie Viele sich heute selbst in die Lage manövrieren, sich innerpsychisch in die Identifikation mit dem Opfer zu begeben, nur um dann die Qualen der Ohnmacht zu durchleben; wie viele sind von dieser Reise nicht mehr zurückgekehrt.

Das steht der schwarze Wolf in aufrechter Haltung, er ist weder sympathisch noch unsympathisch. Er steht da und beobachtet, wie sich die Schwärze vor ihm verwandelt. Er sieht Veränderung, aber keinen Zerfall, er nimmt die Brechungen des Lichts in der Schwärze war, aber er zerbricht sich nicht den Kopf darüber, ob Licht der Schatten Gottes sei. Das macht der Mensch, der wissen will, ob seine Revolte gegen die Götter Aussicht hat, indem er das Licht überall hinträgt. Doch das kostet Energie. Und die Art und Weise, wie wir an diese Energie gelangen, entscheidet mit über das Los des Menschen. Dabei gibt es noch so viel Energie zu entdecken, die jenen zufließt, die einfach betrachten können. Darauf der Nihilist spricht: „Der Wolf von Tambow ist dein Genosse.“

by: Prof. Dr. phil. Christian A. Bauer, Köln 2019.


Exhibitions / Ausstellungen:

Wolf. Wald. Wildnis. Museum Villa Rot in Burgrieden (23 Februar – 3 Mai 2020)


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