Ohne Titel, 1997

Siebdruck auf Grafit

14,3 x 33,3 x 7,5 cm


Walter Benjamin und die Masse

Von: Sabine Schütz

Das Werkensemble, das Igor Sacharow-Ross für die Berliner Ausstellung ausgewählt hat, besteht zum einen aus einer schwarz-weiß-grauen Foto-Tafel, die aus der Ferne betrachtet wie eine kleinteilige musterhafte Struktur erscheint, stellenweise geschwürartig sich verdichtend. Zum anderen gehören zu dem Exponat mehrere kleine, quaderförmige Graphit-Blöcke, auf denen sich die Struktur der Fotocollage in Ausschnitten schemenhaft wiederholt. Nähert man sich den Objekten, so entpuppt sich das scheinbar abstrakte Geflecht als wogende Menschenmasse, Kopf an Kopf und Leib an Leib eng zusammengedrängt, als ginge es darum, den Begriff der „Masse“ in einem Bild wimmelnder Unüberschaubarkeit drastisch zu veranschaulichen. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, daß hier rapportartige Abbildungen einzelner Menschengruppen vervielfältigt wurden, mit dem Effekt einer gleichsam ornamentalen Musterbildung. Das charakteristische Kennzeichen der modernen Masse – das Auf- bzw. Untergehen des Individuums im Kollektiv – wird in diesem zum Muster mutierten Gruppenbild sinnfällig – „Das Ornament der Masse“ heißt ein berühmter Text von Benjamins Freund und Kollegen Siegfried Kracauer.

Igor Sacharaow-Ross’ Arbeit nimmt zwar nicht bewußt oder gar gezielt Bezug auf Walter Benjamin und sein intellektuelles Umfeld; doch gleichwohl sind gewisse Berührungspunkte nicht zu übersehen. Auf der Motivebene ist es der erwähnte Massebegriff, der in Benjamins Geschichtsbild zum entscheidenden historischen Faktor wurde. Die Masse war für ihn das Resultat des technischen und medialen Fortschritts der Moderne, die der Marxist Benjamin in Anlehnung an den Surrealismus als eine Art kollektiver Traumwelt verstand, aus der es die Massen zum proletarischen Klassenbewußtsein zu erwecken galt. Doch der Traum wurde zum Alptraum, und Benjamin wurde auf der Flucht vor der nazistisch entarteten Masse in den Suizid getrieben. – Heutzutage entbehrt  der Massebegriff jeglicher hoffnungsvollen Note; an wildwuchernde Zusammenballungen erinnern die Lebensräume, in denen zahllose Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts elend dahinvegetieren.

Die Masse, bzw. das Kollektiv, ist aber auch ein entscheidender Faktor in Walter Benjamins Kunst- und Medientheorie. Sie ist das moderne Publikum einer Kunst, welche durch die neuen Medien massenhaft reproduzierbar und konsumierbar geworden ist. Sacharow-Ross’ Bild kehrt den Sachverhalt auf geradezu ironische Weise um: Der Mensch selbst ist zum reproduzierbaren Material geworden, und dies keineswegs bloß in der Kunst. Die physischen  Risiken und moralischen Konsequenzen der Gentechnik gehören zu den Themen, mit denen sich Sacharow-Ross immer wieder intensiv auseinander gesetzt hat..

Schließlich tritt, im Material Graphit, auch ein zeitliches Moment hinzu – oder besser: ein überzeitliches. Die Quader aus verdichtetem Kohlenstoff, von tiefschwarzem metallischen Glanz, sind  Zeugnisse einer Epoche jenseits aller Zeitrechnung – entstanden vor ca. 350 – 290 Millionen Jahren, wird der Graphit vor allem wegen seiner leitenden Eigenschaft geschätzt. Wenn Igor Sacharow-Ross seine fotografischen Massendarstellungen auf die fragile Oberfläche eines solchen Graphitblocks überträgt, dann kann man dies auch als ein im Benjaminschen Sinne „dialektisches Bild“ verstehen, in dem sich „Gewesenes und Gegenwärtiges zu einer mit Jetztzeit geladenen Vergangenheit“ verbinden.

Aus: Ausst.kat. SCHRIFT BILDER DENKEN 2: Walter Benjamin und die Kunst der Gegenwart. Formen des Gedenkens in der zeitgenössischen Kunst, Berlin (Haus am Waldsee), Berlin 2005, S. 146


Ausstellungen:

SCHRIFT BILDER DENKEN 2: Walter Benjamin und die Kunst der Gegenwart. Formen des Gedenkens in der zeitgenössischen Kunst, Berlin, Haus am Waldsee, 29.11.2004 – 30.1.2005

Publikationen:

Ausst.kat. SCHRIFT BILDER DENKEN 2: Walter Benjamin und die Kunst der Gegenwart. Formen des Gedenkens in der zeitgenössischen Kunst, Berlin (Haus am Waldsee), Berlin 2005, S. 146 – 147


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