Research

Orte der Syntopie

Im Rahmen seiner Grundlagenforschung über Gehirnfunktionen und die Bedingungen des Entstehens von Kreativität hat mein Freund Ernst Pöppel das Konzept der Syntopie entwickelt. Er definiert „Syntopie“ als die Verbindung des räumlich und gedanklich Getrennten und als Voraussetzung für Kreativität. Kreativität erwächst aus der Verbindung von explizitem Wissen, implizitem Können und persönliche Erfahrung.

Wenn heute von Wissen gesprochen wird, dann wird damit zumeist das begriffliche Wissen bezeichnet. In der Hirnforschung hat man jedoch festgestellt, dass es zwei weitere mindestens ebenso wichtige Wissensformen gibt, die im Laufe der Evolution entstanden sind.
Neben dem begrifflichen Wissen gibt es Handlungswissen: Hierbei handelt es sich um intuitiv gewonnenes oder implizit verfügbares Wissen. Beispiele für solche Wissensformen sind das künstlerische Wissen oder das wissenschaftliche Wissen des Experimentators. Es ist bedauerlich, dass die Stärkung dieses intuitiven Wissens als Erziehungsziel in unserer Gesellschaft in den Hintergrund getreten ist.
Eine dritte und die möglicherweise wichtigste Form ist das bildliche Wissen. Wir machen uns Bilder von Sachverhalten, wie der Philosoph Ludwig Wittgenstein sich ausdrückte. Ein Gutteil des menschlichen Gehirns ist ausschließlich mit Bildern und nicht mit Begriffen beschäftigt. Diese Bilder können wiederum in drei verschiedenen Formen eine Rolle spielen:
erstens als gegenwärtiges Wissen, zum Beispielsweise durch die unmittelbare Präsenz des Anderen;
zweitens in Form von bildlichen Erinnerungen, die wir in uns tragen. Selbst die ersten prägenden Erinnerungen sind stets mit einem bestimmten Bild verbunden, das immer mit einem bestimmten Ort verbunden ist. Ort und Bild können für den Erinnernden in ganz persönlicher Weise mit einer bestimmten Bedeutung, mit einem Gefühl, einem Geruch, einem Erleben verbunden sein. Die personale Identität eines jeden von uns besteht in der Aneinanderreihung, der inhaltlichen Verbindung, der Syntopie der Bilder, die wir in uns tragen. Die Lebensgeschichte eines jeden Menschen ist etwas Besonderes und macht uns zu dem unverwechselbaren Menschen, der wir sind.
Schließlich besteht eine dritte Form des bildlichen Wissens im grafischen und topologischen Wissen, das wir für einfache geometrische Formen verwenden, um uns Sachverhalte zu verdeutlichen.

Der Begriff der Syntopie soll ein Korrektiv gegen die Privilegierung des begrifflichen Wissens sein, das sich nach dem Vorbild des kartesischen Rationalismus entwickelt hat. Es geht um die „Überwindung“ der Einseitigkeit bestimmter Wissenskulturen innerhalb unserer Gesellschaft, der Wissenschaften, der Künste oder der Wirtschaft. Der Begriff der Syntopie ist Ausdruck einer dynamischen Verbindung und Überbrückung der Grenzen dieser Wissensbereiche. Als Projekt ist Syntopie der Verbindung verschiedener Völker verpflichtet. Syntopie zielt auf die Verbindung von Verschiedenem an einem Ort.
© Igor Sacharow-Ross 2000/2018.

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