Zwischenfelder, 1987-89

Kunsthalle Innsbruck, 1989

Acryl, Licht- & Klangquellen, Kupfer, präpariertes Naturblatt, Stahl

290 x 2000 x 400 cm

Ausstellungen:

Zwischenfelder. Raum-Klang-Installation, Arbeiten auf Papier, Objekte, München, Dany Keller Galerie 1988.

Zwischenfelder, Innsbruck, Kunsthalle Innsbruck, 1989.

Publikationen:

Sacharow-Ross. Kraftzellen II, hg. v. M · A (Ausst.-Kat. Karlsruhe 1988, Ludwigsburg 1989, Innsbruck 1989), München 1989.

Gabi Czöppan: Igor Sacharow-Ross, in: Kunstforum international, Bd. 98, 1989, S. 292.

Р. Серебренников: Новая символика духа. Художник Игорь Захаров, in: Зхо планеты, N° 23 (114), Moskau 1990, S. 26-31.

Igor Sacharow-Ross. Apotropikon. Räume Felder Handlungen, hg. v. Galerie Schüppenhauer, Köln/München 1991.

Igor Sacharow-Ross, hg. v. Evelyn Weiss (Ausst.-Kat. Moskau, Neue Tretjakow Galerie, 21.01.-18.02.1993; St. Petersburg, Russisches Museum, 18.03.-01.05.1993), München 1993.

Igor Sacharow-Ross. Reanimation, hg. v. Cantz Verlag (Ausst.-Kat. Tourcoing, Musée des Beaux-Arts, 18.10.1997-19.01.1998), Ostfildern-Ruit 1997.

Schröck, Petra: Innere Partituren. Transformationsprozesse in der Kunst von Igor Sacharow-Ross, in: Belvedere. Zeitschrift für bildende Kunst, 1/2000, S. 16-27.

Igor Sacharow-Ross. Abgebrochene Verbindung, hg. v. Dieter Buchhart/Hans-Peter Wipplinger (Ausst.-Kat. Passau, Museum Moderner Kunst Passau – Stiftung Wörlen, 22. 10.-03.12.2006), Nürnberg 2006.


Die Klang-Installation Zwischenfelder (Kunsthalle Innsbruck, 1989) zeigte eine Apparatur, die die menschliche Wirbelsäule darstellt und, in schrägwinkliger Anordnung von der Decke herunterhängend, den Raum durchzog. Das hochliegende Ende war durch ein Fenster nach außen gerichtet. Am tiefliegenden Ende wurde eine Lichtscheibe auf eine stählerne Stellwand-Tafel projiziert, und zwar genau auf den Karzinomkreis eines großen grünen, dort fixierten Anturium-Blattes.

So ergab sich eine Korrespondenz zwischen Innenraum und Außenraum, zwischen mikrokosmischen und makrokosmischen Sphären, zwischen lebender und toter Materie. Derlei Korrespondenzen werden in späteren Installationen noch deutlicher herausgearbeitet (z.B. in Arbeitsplatz, Kunstverein Rosenheim, 1994).

Die Zwischenfeld-Säule wirkt massiv, keineswegs flexibel. Durch die scheinbar schwebende Positionierung im Raum wird die Statik allerdings optisch aufgehoben. Zudem umschloß die Säule eine Klangquelle, deren »sphärisch« anmutende Töne das Grün des Lichtstrahls ins Akustische transformierten.

Häufig bezieht sich Sacharow-Ross in seinen Arbeiten gerade auf die Spuren von Krankheit und Verletzung in der Natur. Damit ist sein Naturbegriff ein völlig derer als jener der romantischen oder frühmodernen Künstler: Bei Sacharow-Ross ist die Natur nicht Vexierbild eines Ideals von Einfachheit und Ursprünglichkeit, und damit von Erhabenheit, sondern sie ist ein Wirkungsfeld von Urkräften, die gleichermaßen segensreich wie zerstörerisch sein können.

Die Unversöhnlichkeit einer öko-ideologisch motivierten Sehnsucht nach der unberührten und damit »intakten« Idylle mit einem technikgläubigen Fortschrittsoptimismus beherrscht den derzeitigen »Zeitgeist«. Hier setzt Sacharow-Ross an, dringt mit seinem Erkenntnisinteresse jedoch in tiefere Schichten vor, wo jedwede ideologische Vereinnahmung nicht mehr möglich ist.

Wo Politiker oftmals moralisch versagen und Wissenschaftler häufig »betriebsblind« sind und sich die Technokraten bequemerweise auf die häufig zitierten »Sachzwänge« zurückziehen, scheint die Kunst geeigneter zu sein, ethische Kategorien mitzuformulieren und Humanität einzufordern. Eine ihrer wesentlichen Freiheiten hat sie darin, das »Machbare« anders skizzieren bzw. darstellen zu können. Der Entwurf ihrer Utopien harrt freilich auf eine Realisierung in anderen Lebenszusammenhängen.

Für die Avantgarde der Klassischen Moderne hat Malewitsch das Verhältnis zwischen Tradition und Utopie neu formuliert. Er bezog sich als einer der ersten Künstler auf die moderne naturwissenschaftliche Theorie der Materie als Energie. Hinter den wahrnehmbaren Objekten ist ein Urzustand spürbar, eine Energie, die in der Kunst sichtbar gemacht werden soll. Der damalige Optimismus, Wissenschaft und Kunst seien gleichermaßen Garant des allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritts, wird heute so nicht mehr geteilt. Als Avantgardist in der Epoche der Post-Moderne weiß Sacharow-Ross sehr genau über jene heute aktuelle Skepsis Bescheid, die die Futuristen und Suprematisten noch nicht kannten, weil (möglicherweise) das Potential existentieller Gefährdungen durch die Anwendung von Wissenschaft und Technologie zu ihrer Zeit geringer war. Die Möglichkeit zur Kernspaltung war noch nicht entdeckt worden, ebensowenig die Möglichkeit psycho-chirurgischer Eingriffe ins menschliche Hirn.

Jürgen Raap, 1997

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